Zuletzt wurde ich mehrfach gefragt, in welcher Fernseh-Talkshow ich Unternehmer am liebsten sähe. Gemeint war natürlich, wo sie vermutlich am besten wegkommen würden. Nun ist es nicht erst seit den jüngeren Finanz- und Wirtschaftskrisen so, daß Unternehmer und Manager in diesen Formaten häufig in der Rolle des Sündenbocks zu sehen sind. Insbesondere Talk-Shows mit mehreren Gästen verteilen gern unterschiedliche Rollen, die der Moderator dann durchgängig bis zum Sendungsende anspricht. Dabei ist es eher selten, daß die Unternehmer einfach neutral in der Rolle des Experten angesprochen werden. Einfacher ist es, sie stellvertretend für eine ganze Klasse an den Pranger zu stellen. Das passiert häufig genug. Erschwerend kommt hinzu, daß gerade bei den Star-Moderatoren des Talkgewerbes wirklich keiner mit einem stabilen ökonomischen Sachverstand aufwarten kann. Backgrounds der Jauchs, Wills und Kerners sind andere und das merkt man gerade bei den häufigen finanzwirtschaftlichen Diskussionen der letzten Monate teilweise in peinlicher Deutlichkeit.
Bei wem also hat ein Unternehmer oder Manager die Chance, sich am besten zu präsentieren? Es ist naheliegend, daß man nach der ARD-Programmreform zunächst auf die tägliche Talkschiene im Ersten schaut, dann erst zum ZDF. Am Ende liefe es für mich auf die Entscheidung Beckmann (ARD) oder Lanz (ZDF) hinaus. Günther Jauch fragt zu allgemein und entwickelt die Themen eher sprunghaft. Anne Will ist zu schnell bei künstlicher Kontroverse und bricht die Einzelaspekte zu schnell ab, für Maybritt Illner gilt das im Prinzip auch. Sandra Maischberger gibt den Außenseitern ihrer Runde zu viel Redezeit, der Tabubrecher darf oft mehr und länger ausführen als beispielsweise ein erfahrener Unternehmensführer, der vom Thema des Tages in der Sache viel mehr versteht. Plasberg ist am besten vorbereitet und sehr genau, aber insistiert bei Unternehmern viel härter als etwa bei wissenschaftlichen Experten oder bei journalistischen Kollegen in seiner Runde, das ist nicht ungefährlich. Die wenigen erst zu nehmenden Talkformate in den privaten Programmen laufen erst auf sehr späten Sendeplätzen und lassen es häufig auf eine direkte Konfrontation zweier Protagonisten hinauslaufen. Da ist es schwer, einen Standpunkt zu behaupten. Thadeusz (RBB) ist glänzend, aber wer übersteht schon ein 45-minütige Einzelbefragung ohne Blessuren?
Eine echte Chance hat man bei Reinhold Beckmann. Da ist der Unternehmer auf Augenhöhe mit oft nur einem, maximal drei weiteren, ausnahmslos bekannten und hochkarätigen Gästen. Beckmann fragt ruhig, läßt Ausführungen im Zusammenhang zu, echte Entwicklungen eines Themas sind möglich. Dennoch würde ich mich für Markus Lanz entscheiden. Er ist die echte Überraschung des Talkjahres 2011. Erstaunlich, ja bewundernswert, wie es ihm dreimal pro Woche gelingt, in jeder seiner Sendungen mehr als einmal eine äußerst dichte Gesprächsatmosphäre über ein zehn Minuten und mehr laufendes Gespräch herzustellen. Er wechselt, in dem er erst mit dem "Clown" oder "Paradiesvogel" locker plaudert und dann mühelos in einen ernsten Tonfall zu schwierigen Themen mit seriösen Gesprächspartnern übergeht. Sicher, er verteilt seine Sympathien erkennbar, aber unplanbar. Die ihm weniger symathischen befragt er oft viel härter, frecher, provokanter - aber stets punktgenau und inhaltlich fordernd. Mit überraschenden, manchmal überfallartigen Fragen führen seine Gespräche oft in eine Tiefe, Spannung und Dichte, die im Fernsehen selten geworden ist. Wer nur vorher trainierte Statements oder Denkschablonen vortragen kann, hat in diesem Format allerdings keine Chance. Souveräne Gesprächspartner, die sich wirklich zu öffnen bereit sind, haben dagegen die Option, ein erinnerungswürdiges Gespräch zu eröffnen.
(Kolumne von Markus Kiefer vom 16.12.2011 auf www.markus-kiefer.eu)