Die Macht der Klischees - Russland-Bilder in den Medien

Großes Hindernis zu einem besseren Verständnis russischer Politik sind zahllos durch die Medien wabernden negativen sprachlichen Klischees und Stereotypen über das Land und seine Führung, so die dezidierte Kritik der Russland-Expertin und Top-Journalistin Gabriele Krone-Schmalz in ihrem Bestseller "Rußland verstehen".

Ist es Zeit, für eine Neubewertung russischer Außenpolitik? Es ist an der Zeit! Aber es muss eine gründliche Analyse, keine voreingenommen-parteiische Analyse sein. Ob die Mehrzahl der westlichen und deutschen Leitmedien dazu über genügend analytisches Rüstzeug verfügt, muss in vielen Fällen bezweifelt werden. Es ist schon gespenstisch, wie das Pendel der öffentlichen Meinung in dieser Frage derzeit schwankt, wie ein Schilfrohr im Wind. Vor den Attentaten von Paris waren Russland und sein Präsident die Bad Guys in der internationalen Gemeinschaft, geächtet wegen der Ukraine-Politik. Jetzt sind sie zum Teil umworbener Bündnispartner gegen den internationalen Terrorismus.

Ein echtes Verständnis russischer Interessen und Positionen scheint da medial eher selten durch. Aber es bedarf eben hierfür auch eines reichen historischen, ökonomischen, kulturellen und politischen Wissens. Gabriele Krone-Schmalz verfügt hierüber. Und in ihrem aktuellen Bestseller "Russland verstehen" lässt die langjährige, preisgekrönte WDR-Journalistin, Moderatorin, Moskauer ARD-Korrespondentin ihr deutsches Publikum daran teilhaben. Geschrieben aus Anlass der Ukraine-Krise, ist das Buch aber durchaus mehr als eine profunde Analyse der Vorgeschichte, des Ablaufs und der Perspektive dieses ganz konkreten Regionalkonfliktes mitten in Europa. Zugleich ist es ein Schlüssel zum Verständnis russischer Außen-, Sicherheits- und Machtpolitik. Darüber hinaus bietet das Buch einen Zugang zum strategischen Denken des russischen Präsidenten. Ihn beurteilt Krone-Schmalz - die Wladimir Putin übrigens in den Gesprächen des "Petersburger Dialogs", ein Begegnungsforum der deutschen und russischen Regierung, regelmäßig persönlich erlebt - sehr differenziert. Indem sie seine konkrete Außenpolitik je unterschiedlich in den verschiedenen Phasen seiner bisherigen 3 präsidialen Amtszeiten unterscheidet. Hier ist vieles, zu Unrecht, im öffentlichen Bewusstsein in den Hintergrund gedrängt worden, vor allem die pro-westlichen Avancen, Signale und durchaus konkreten Angebote in Putins erster Amtszeit.

Krone-Schmalz sieht sich des Öfteren mit dem Vorwurf einer "Russland-" bzw. "Putin-Versteherin" konfrontiert. Dieses Klischee lässt sie vermutlich eher kühl an sich abprallen. Wenn man sich nicht ernsthaft bemüht hat zu durchdringen, wie und warum der andere so tickt, dann darf ich mir auch keine Bewertung erlauben, so oder ähnlich klingt es immer wieder in diesem Buch durch.

Klischees mag die heutige Bestseller-Autorin und Journalistik-Professorin an der privaten Business-Hochschule BITS (Iserlohn) ohnehin nicht. Im Gegenteil. Scharf verurteilt sie, immer wieder mit konkreten Beispielen unterlegt, wie sehr Klischees und Stereotypen die Berichterstattung in westlichen Medien immer wieder überlagern, dabei wirklich objektive Bewertungen des russischen Vorgehens eher behindern. Nicht selten, so Krone-Schmalz, messen ihre ehemaligen Kolleginnen und Kollegen insbesondere in den öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten, westliches, amerikanisches, ukrainisches Vorgehen einerseits und russische Aktivitäten andererseits mit zweierlei Maß. Sprache kann da sehr verräterisch sein. Und Krone-Schmalz seziert dies sehr gekonnt und konkret. Die nötige Sensibilität bringt die gelernte Slawistin und Osteuropahistorikerin seit ihren Studienzeiten mit, die sie mit einer Dissertation über die Russland-Bilder deutschen Medien nach dem Zweiten Weltkrieg abschloss. 

Man muss der Autorin, beispielsweise in ihrer, durchaus wohlwollenden Interpretation Moskauer Politik während der Ukraine-Krise sicher nicht in jedem Detailpunkt folgen. Beispielsweise ist die hier vorgetragene völkerrechtliche Argumentation zugunsten einer aus Moskauer Sicht gerechtfertigten Abspaltung der Ostukraine, eine sehr selten vorgetragene Einzelposition. Das schmälert nichts am Gesamteindruck des Buches, das eine sehr lesenswerte, fundierte, in vielen Fragen nachdenklich machende Werbung um ein besseres, vertiefteres Verständnis unseres östlichen Nachbarn bietet. Und darüber hinaus ist es ein Ausweis der Macht sprachlicher Klischees und ihrer Rolle in der Entwicklung staatlicher aber auch wirtschaftlicher Beziehungen. Wenn der ein oder andere Leser nach Lektüre des Buches in Zukunft genauer hinhört und hinsieht, unter welchen Überschriften und Einführungs-Moderationen ihm russische Politik in den Medien präsentiert wird, dürfte Gabriele Krone-Schmalz ein ihr wichtiges Anliegen als erfüllt sehen.

 

(Kolumne von Markus Kiefer v. 15. Dezember 2015 auf www.markus-kiefer.eu)

Lektüre-Empfehlung

Gabriele Krone-Schmalz, Russland verstehen. Der Kampf um die Ukraine und die Arroganz des Westens, München 2015