Die neue Beliebtheit der Deutschen – Teil II

Kaum war die Tinte unter dem Brüsseler Griechenland-Nachtdeal trocken, da entbrannte schon die kommunikative Deutungsschlacht über dessen Bewertung. Ganz offensichtlich wurden vor allem die politischen Entscheider Deutschlands einmal mehr kalt von der Chuzpe der griechischen Regierung überrascht. Denn kaum aus Brüssel zurück, heizte Tsipras noch vor der entscheidenden Abstimmung im Parlament die Stimmung an, indem er die Einigung mehr oder weniger offen als politische Erpressung (durch Deutschland) brandmarkte.

Nur wenige Tage später mehrten sich diese Stimmen in der europäischen Öffentlichkeit. Dies wiederum brachte schnell manchen deutschen Leitartikler namhafter Qualitätsmedien in Wallung, die auf breiter Ebene regelrecht "Deutschenhass" auszumachen glaubten, dessen man am besten Herr würde, in dem man über diesen, wie ein englischer Gentleman, schlicht hinwegsehe - soweit der Ratschlag beispielsweise in der FAZ.

Nun ist Europapolitik allerdings kein politisches Feuilleton, sondern knallharte Interessenpolitik auf einer recht wankelmütigen Stimmungs- und keineswegs stabilen Wertebasis. Insofern kann man nur hoffen, dass gerade die deutsche Bundesregierung Ratschläge dieser Art ignoriert. Sehr viel angebrachter ist ein sorgfältiges Analysieren und strategisches Räsonieren, wie man auf solche, zum Teil dreisten Herausforderungen und sicher eher ungewohnten Provokationen kommunikativ wirksam reagiert.

Not tut zunächst einmal eine nüchterne Bestandsaufnahme. Ein genaues Hingucken ist gefordert, auch sorgfältige Demoskopie auf repräsentativer Basis in den diversen europäischen Öffentlichkeiten wären sinnvoll. Sind es wirklich die europäischen Völker, die Deutschland voller Zorn beleidigen - oder sind es nicht vielmehr diverse politische Machteliten? Noch genauer gefragt, waren es nicht vor allem europäische Linkspolitiker in- und außerhalb Griechenlands, und zwar vor allem der extremen Linken, die Deutschland auf unflätigste Weise als poltischen Erpresser, als Diktatoren Europas oder mit noch schlimmeren Etiketten diffamierten?

Es ist doch allzu offensichtlich, dass es sich hier um politisch-kommunikative Racheakte dafür handelt, dass sich der von Syriza vollmundig angekündigte Systemwechsel in der Finanzierung der Krisenstaaten am Ende eben doch nicht vollzog. Kein Wunder, dass dann manche so reden - und zwar sowohl jene, die aktuell betroffen sind als auch diejenigen, die in künftigen eigenen Krisensituationen Gegenstand europäischer "Rettungspolitik" werden könnten. So gesehen ist diese vor allem gegen Deutschland geschürte Stimmung ganz einfach Bestandteil von Politik und Kalkül. Politik als schmutziges Geschäft eben, einmal mehr. Ganz gewiss ist es aber nicht Deutschenhass der Völker auf breiter Ebene.

Also, etwas genauere Analyse und gelassenere Souveränität bitte! Haben also nicht doch die recht, die zum Verhalten des britischen Gentleman raten (s.o)? Nein, haben sie nicht. Denn natürlich ist nicht auszuschließen, dass politische Brandstiftung in und aus einer überschaubaren Ecke des Spektrums nicht doch größere Flächen infizieren kann. Und deswegen muss das politische Berlin mit einer einfallsreichen, vor allem aber nachhaltigen Kommunikationskampagne reagieren. Und es muss Berlin sein. Andere werde da kaum helfen. Natürlich stand Deutschland mit seiner konsequenten Linie gegenüber Griechenland nicht allein. Andere waren in ihren Positionen und Forderungen noch viel härter. Aber diesen Staaten ist es sicher auch recht, dass jetzt nicht sie im Fadenkreuz der Kritik sind, sondern eben das große, vermeintlich reiche und starke Deutschland am Pranger steht.

Der Dank für die inzwischen gar nicht mehr einmalige, sondern wiederholte, überaus großzügige Hilfsbereitschaft Deutschlands und seiner europäischen Partner darf einfach nicht sein, dass in der europäischen Öffentlichkeit das Erpresser-Label Deutschland angeheftet wird. Dieser Preis für die gefundene Lösung wäre viel zu hoch. Noch dazu völlig unangemessen. Nach der politischen Entscheidung ist nun eine deutliche Kommunikations-Botschaft gefragt. Jetzt ist die Stunde der politischen Spin Doctors angesagt, die das richtige Kommunikations-Framing und die Deutungshoheit nicht den Politikern der (extremen) europäischen Linken überlassen. Bisher hat sich das Presseamt der Bundesregierung in dieser Perspektive nicht allzu sehr hervor getan. Dasselbe gilt für die Beteiligung Deutschlands am bahnbrechenden Atom-Deal mit dem Iran. Es ist ganz offensichtlich so, dass die deutsche Rolle und Beteiligung bei schwierigen Problemfällen weltweit eher wächst, Deutschland immer stärker geachtet und auch angefragt wird. Auch dies ließe sich in der breiten Öffentlichkeit viel selbstbewusster als Trend und als Aktivposten herausstellen. In dieser wie in der Griechenland-Frage geht es nicht so sehr um Information, sondern um die Schaffung breit wirkender, überzeugender Kommunikations-Rahmen. Steffen Seibert und sein Team mitsamt den Kommunikations-Beratern der Bundesregierung müssen hier zulegen - und zwar deutlich.

Markus Kiefer

(Kolumne vom 1. August 2015 auf www.markus-kiefer.eu

 

Ergänzend:

Die neue Beliebtheit der Deutschen

(Kolumne von Markus Kiefer v. 1. Juli 2015 auf www.markus-kiefer.eu)