Fake News

Spätestens mit der Amtsübernahme von Donald J. Trump als US-Präsident hat sich auch in Deutschland eine heftige gesellschaftliche Debatte über Fake News entzündet. Der Medienwissenschaftler Thomas Breyer-Mayländer liefert eine kämpferische Analyse als Debattenbeitrag.

Allerspätestens mit der Amtsübernahme von Donald J. Trump als US-Präsident läuft nicht nur jenseits des Ozeans, sondern auch diesseits eine heftige gesellschaftliche Debatte über „Fake-News“. Zumal dieser hierzulande ja schon Jahre zuvor durch die deftige Medienschelte von AFD, Pegida und andere Kräften am rechten Rand des politischen Spektrums artikuliert werden. Da nimmt man ein Buch erwartungsfroh und mit Hoffnung in die Hand, wenn sich ein renommierter Hochschullehrer der Analyse des Phänomens annimmt.

Und Thomas Breyer-Mayländer, Autor des hier anzuzeigenden Werkes, ist zweifellos ein Hochschullehrer mit gutem Ruf. Er ist Fachhochschullehrer, aktuell an der (Fach-) Hochschule Offenburg, dort mit dem Schwerpunkt Medienmanagement tätig. Nicht nur in der Lehre, sondern auch verantwortlich als Studiengangsleiter, Prodekan, Dekan und als Prorektor. Außerdem leitet er das Steinbeis-Beratungszentrum „Leadership in Education und Science“. Praktische und hochkarätige Erfahrungen sammelte er zuvor u.a. beim Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger. Wenn ein solcher Mann, der Verfasser zahlreicher akademischer Publikationen ist, sich eines so sensiblen Themas annimmt, dann erwartet der Leser natürlich einiges, vermutlich vor allem wissenschaftlich fundierte Analysen.

Vorweg, diese Erwartungshaltung löst das Buch nur zum Teil ein. Wenn man die 278 Seiten-Lektüre beendet hat, weiß man nicht so recht, ob man sich mehr freuen oder mehr ärgern sollte. Kommen wir zuerst zum Erfreulichen. Breyer-Mayländer hat eine echte Fleißarbeit in der Durchdringung aktueller Diskussionen mit der Konfrontation durch wissenschaftliche etablierte Modelle gekonnt verbunden. Immer wieder wendet er wissenschaftliche Kategorien an um aufzuzeigen, warum bestimmte politische Positionen und Kontroversen um Fakten verkürzt oder gar ganz unter Ausblendung von Fakten laufen. Das ist bestechend und es ist immer genau belegt, wofür ein Apparat von 489 Fußnoten steht. Und dieser verzeichnet aktuelle Quellen ebenso wie relevante fachwissenschaftliche und methodische Literatur.  

Und so ist es wirklich spannend, wie Breyer-Mayländer prominente Kontroversen der vergangenen Jahre beispielsweise zu TTIP, zu Stuttgart 21, zum Klimaschutz, zur Energiewende nach Fukushima, zur Sterbehilfe-Debatte im Bundestag, zur Asyldebatte, Maut-Debatte verschiedene Vorstöße und Ausbrüche des US-Präsidenten und vieles mehr aufarbeitet und analysiert. Die Phänomene von Falschnachrichten, Lügen, Propaganda und Populismus werden interessant aufgearbeitet und mit Wissenschafts-Kategorien wie „Frames“, „Agenda Setting“, „Meinungsführerschaft“ und vielen Kategorien der wissenschaftlichen Psychologie konfrontiert. Der Mann versteht und beherrscht seine Wissenschaft. Das gilt, wenngleich der durchgehend verwendete Begriff des „Postfaktischen“ vielleicht noch griffiger hätte definiert werden können, bevor er durchgängig Verwendung findet.

Aber es gibt auch ein Ärgernis. Schaut auf das Spektrum derer, die für ihren Umgang mit Fakten scharf, zum Teil auch polemisch kritisiert werden, dann summiert sich der Eindruck, der Autor schaut im politischen Spektrum nur nach rechts: Trump, AfD, Pegida. In Nebensätzen bekommend der damalige österreichische Außenminister und heutige Bundeskanzler Sebastian Kurz und Karl-Theodor zu Guttenberg ihr Fett weg. Und die Genannten werden dann immer gleich in einem Atemzug mit Fake-News-Protagonisten wie Erdogan und Putin einsortiert. Ist der Autor auf dem links-progressiven Auge blind? Auffällig wie wohlwollend Obama und Kretschmann behandelt werden. Ein begabter Spitzen-Populist, Polarisierer und Zuspitzer wie der langjährige SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel kommt in dem Buch gar nicht vor. Hängt das alles mit der eigenen politischen Position des Autors zusammen? Die wird allerdings gar nicht aufgedeckt, im Lebenslauf des Autors, am Buchende wird seine Tätigkeit als Kommunalpolitiker ausdrücklich erwähnt. Auch in der Einleitung rekurriert der Autor auf diese Erfahrungen und Beobachtungen. Aber für welche Partei? Warum wird das nicht transparent gemacht? Auf der Website seiner Heimatgemeinde findet man ihn aktuell nicht mehr, in seinem Lebenslauf auf Wikipedia und in den akademischen Lebensläufen auf der Seite seiner Hochschule findet man dazu auch keine Angaben. Das ist alles andere als optimal, im Sinne der vom Autor immer wieder selbst geforderten Transparenz in Bezug auf Quellen, Positionen und Standpunkte.

Die vielfältigen Analysen der nachgezeichneten Debatten lesen sich dagegen mit Gewinn. Etwas blass bleibt die Ausweg-Strategie. Natürlich, das Bestehen auf wissenschaftlichem Expertentum ist der eine Weg. Das Kapitel 8 besticht, man hätte es sich ausführlicher gewünscht. Und der in Zukunft noch stärker auf Eigenrecherche und sicheren Faktencheck setzende Qualitäts-Journalismus ist der andere. Aber auch dieses Kapitel (15) hätte ausführlicher sein dürfen. Denkbar wäre auch gewesen, wenn sich der Autor auch etwas intensiver mit den kritischen Anfragen aus der Bevölkerung an die Medien auseinandergesetzt hätte. Diese kommen ja in Deutschland nicht nur von AfD und Pegida, in den USA nicht nur von radikalen Trump-Anhängern. Der Vertrauensverlust in die Medien und in die Leistungen des Journalismus in ganz konkreten politischen Debatten ist ja durch viele Studien (Edelman Trust-Barometer, die Studien zur Wirtschaftskommunikation von Claudia Mast in Verbindung mit Ing-Diba) breit belegt. Es muss ja massive Gründe für die belegbare, zunehmende Abwendung breiter Kreise von klassischen Medien geben. Verstehen die Menschen die journalistischen Nachrichten-Auswahl-Kriterien nicht mehr (Nachrichten-Faktoren, Nachrichten-Werte)? Oder glauben sie den Medien einfach nicht mehr, dass sie diese korrekt umsetzen und deswegen ökonomische, gesellschaftliche, politische Positionen nicht mehr breit oder nicht tief genug abdecken. Diesen Zweifeln, die es ja nicht nur am rechten Rand, sondern gesellschaftlich sogar mehrheitlich (!) gibt, geht Breyer-Mayländer aber nicht nach. Jedenfalls nicht offen genug, dafür bleibt er allzu sehr in die von ihm vorgeführten Gefährder der Demokratie von rechts verbissen und bleibt durchgängig in Kampfhaltung.

Damit kein Zweifel besteht, eine solche Kampfschrift kann man ja schreiben. Auch als Wissenschaftler, gar keine Frage. Der Leser muss nur eben wissen, was ihn erwartet. Letztlich ist es das, weniger eine wissenschaftliche Analyse auf der Basis von Studien und mehr eine kämpferische Auseinandersetzung mit der politischen Rechten und deren Umgang mit Fakten. Wenngleich der Wissenschaftler Breyer-Mayländer sein Handwerkzeug nicht aus der Hand legt.

Und zum Gesamteindruck gehört auch: ein vom Äußeren her bestechendes Buch mit tollem Layout, toll redigiert, fehlerfrei und in einer vorzüglichen, angenehm zu lesenden Sprache formuliert. Ob der Leser sich am Ende mehr erfreut oder mehr ärgert, wird mit seiner Erwartungshaltung an die Lektüre zusammenhängen. Wer eine wissenschaftlich fundierte, zugleich deftige Auseinandersetzung mit der Argumentation der politischen Rechten und zugleich eine engagierte Verteidigungsschrift der liberalen Demokratie sucht, der wird hier fündig.  

Markus Kiefer

(Kolumne von Markus Kiefer vom 15. Mai 2018 auf www.markus-kiefer.eu)

 

Lektüre

Thomas Breyer-Mayländer, Ein Quantum Wahrheit. Postfaktischer Populismus als Herausforderung für unsere repräsentative Demokratie. Warum Trump und die AfD mehr sind als ein Betriebsunfall, BoD – Books on demand, Norderstedt 2017