Interviews: Mit oder ohne Autorisierung?

Interviews grundsätzlich vom Gesprächspartner (nachträglich) autorisieren lassen oder grundsätzlich nicht? Diese vielfach diskutierte Streitfrage kam in diesem Sommer wieder verstärkt auf die Agenda. Prominentester Fall des Jahres: Während der WM in Südafrika zog - statt einer Autorisierung - der DFB-Pressesprecher ein Interview des Teammanagers Oliver Bierhoff mit der ZEIT zurück. Begründung: Man müsse jetzt nachträglich so vieles im Text ändern, wofür man keine Zeit habe. Die Hamburger reagierten so: Verzicht auf Bierhoffs Antworten, sie ließen die Fragen für sich selbst sprechen und allein stehen. Mitte September verzichtete die WELT AM SONNTAG auf den Abdruck eines Interviews mit Bayern-Star Ribéry. Der Verein verweigerte nicht nur die vereinbarte Autorisierung, sondern bestand auf der Streichung einer Frage, die der Spieler zuvor ganz locker beantwortet hatte.

Wie also vorgehen? Da kommt eine kleine 16-seitige Handreichung ganz recht, die der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) unter dem Titel "Leitlinien für Interview-Autorisierung" soeben veröffentlicht hat (DJW Wissen Nr. 16, Berlin September 2010). Neben den Leitlinien des DJV-Bundesvorstandes (Beschluß vom 20.9.2010) findet sich interessantes Hintergrundmaterial und die Position verschiedener betroffener Berufsorganisationen. Kern der DJV-Richtlinien dürfte die Ziffer 6 sein: "Nachträgliche Änderungen des Interviewten, die die Authentizität des Interviews oder einen wesentlichen Aussagengehalt konterkarieren, können von der Redaktion abgelehnt werden. Die Redaktion versucht, argumentativ Einvernehmen mit dem Interviewpartner herzustellen. Gelingt dies nicht, sollte sie auf den Abdruck des Interviews verzichten ... Im besonderen Fall kann das öffentliche Informationsinteresse den Abdruck einer zurückgenommenen Antwort rechtfertigen."

Markus Kiefer

(Kolumne vom 18. Dezember 2010 auf www.markus-kiefer.eu, aktualisiert am 8.3.2014)

 

Lektüre-Empfehlung: Deutscher Journalisten-Verband (Hg.), Leitlinien für Interview-Autorisierung = DJW Wissen Nr. 16, Berlin, September 2010

Weiterführend:

Bernd Pörksen, Alles nur Theater, in: Journalist 3/2014, S. 44-48