Journalistische Meisterstücke

Der Theodor-Wolff-Preis würdigt jährlich herausragende journalistische Reportagen, Essays, Leitartikel. Damit werden Texte ausgezeichnet, die über den Tag hinaus Bedeutung haben. Der hier rezensierte Band dokumentiert die 12 von der Preis-Jury nominierten Beiträge aus 2016.

In Zeiten lautstarken öffentlichen Gemenges über Fake-News, im Zuge fortschreitender Digitalisierung, in Zeiten einer zunehmenden Aufsplitterung der Medienlandschaft durch die immer einfacheren Publikationsöglichkeiten im modernen Internet, die potentiell jedermann zum Verleger und Meinungsmacher machen - in solchen Zeiten wird immer häufiger die Frage nach der Zukunft des klassischen Journalismus gestellt. Wer braucht den noch?

Nun, für guten Journalismus gibt es viele Gründe, zumal in einer freien Gesellschaft, die die Rolle der sog. Vierten Gewalt sogar verfassungsrechtlich schützt. Aber es gibt natürlich auch in freien Mediengesellschaften jeden Tag schlechten Journalismus, vordergründigen, parteiischen, einseitigen. Umso wichtiger ist es, hin und wieder die Meisterstücke des deutschen Journalismus in den Blick zu nehmen.

Eine gute Gelegenheit zur Besichtigung kehrt jährlich wieder. Wenn nämlich mit dem Theodor-Wolff-Preis journalistische Texte ausgezeichnet werden, die in deutschen Zeitungen erschienen sind (seit 2013 sogar auch Stücke, die nur in den Online-Versionen der Zeitungen standen). In den Rubriken Lokales, Meinung, Reportage und Thema des Jahres werden solche Beiträge hervorgehoben, die wegen ihrer grundsätzlichen Bedeutung über den Tag hinauswirken. Sie zeichnen sich durch gründliche Recherche, durch Meinungsstärke, durch stilistische Brillanz aus.

Hinter dem Preis steht der Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger (BDZV) Er hat soeben die 12 besten und für die Preisverleihung Nominierten unter den 382 für das abgelaufene Jahr 2016 eingereichten Texten in einem beeindruckenden Paperback veröffentlicht. Man liest in diesem 231 Seiten schmalen Band voller Faszination. Das ist wie eine Schatztruhe voller publizistischer Perlen.

Ich habe nicht jeden Text komplett gelesen. Aber zum Beispiel diesen: "Menschenskinder" von Matthias Thieme. Der Wirtschaftsredakteur der Funke-Mediengruppe (ehemals WAZ-Gruppe) schreibt dort über sein mit Downsyndrom zur Welt gekommenes Kind (90 % der mit Downsyndrom Diagnostizierten werden in Deutschland abgetrieben, so die Schätzung). Man liest dies mit großer Bewegung und weiß zugleich, dergleichen schreibt nur einer, der nicht nur seine persönliche Betroffenheit großartig formulieren kann, sondern der auch die gesellschaftliche und wissenschaftliche Debatte über Pränataldiagnostik souverän überblickt und entsprechend behutsam und verantwortungsvoll damit umgeht. Oder aber "Hab' ich Euch!", von Roman Deininger, ein Stück aus der Süddeutschen Zeitung, über Markus Söder und seinen langen Anlauf auf das Amt des Bayerischen Ministerpräsidenten. Oder "Die Deutschmacherin", von Anja Reich, Chefreporterin der Berliner Zeitung, die den Alltag einer Neuköllner Verwaltungsbeamtin beschrieb, die täglich Anträge auf deutsche Staatsbürgerschaft bearbeitet und entscheidet. 

Großartige, nachdenklich machende Texte allesamt! Sie sind würdige Fortsetzungen der Tradition des bedeutenden Berliner Publizisten Theodor Wolff (1868 - 1943), nach dem der Preis benannt ist und über dessen Lebenswerk ein Schlüsseltext des Medienhistorikers Bernd Sösemann den Band einleitet.

Beeindruckende Meisterwerke des Journalismus sind in diesem Band vereint. Wer noch auf der Suche nach Gründen für die Zukunftsfähigkeit des klassischen Journalismus sucht - hier wird er fündig.

Markus Kiefer

(Kolumne von Markus Kiefer vom 15. Juli 2017 auf www.markus-kiefer.eu)

Lektüre

Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger (Hrsg.), Theodor-Wolff-Preis. Journalistenpreis der deutschen Zeitungen. Die nominierten Beiträge 2017, Berlin 2017