Kommunikations-Ethik - die Meinung des Anderen

Kommunikations-Kompetenz ist nicht nur, wenn wir unsere eigene Meinung durchsetzen.

Unter gelungener Kommunikation verstehen viele Zeitgenossen, wenn es ihnen gelingt, sich mit ihrer Meinung zu behaupten. Wenn sie es schaffen, sich durchzusetzen, andere zu überzeugen, aus Diskussionen als Sieger hervorzugehen. Genauso wird es ja auch in den gängigen Rhetorik-, Präsentations- und Kommunikations-Seminaren gelehrt.

Allein, wäre nur dieses eine gelungene Kommunikation? Wenn vielleicht nur die immer wieder gewinnen, deren Überzeugungs-Technik die ausgereifteste ist?

In der Kommunikation kommt es zwar in der Tat vorwiegend darauf an, dass man selber zur Geltung kommt, sich zeigt, seine Persönlichkeit entfaltet und für seinen Standpunkt wirkungsvoll kämpft.

Es gibt aber immer auch den anderen, die anderen. Sie sind an guter Kommunikation beteiligt. Es gibt viele Kommunikationssituationen, auch im Alltag der Unternehmen und Betriebe, wo es sogar sehr darauf ankommt, genau hinzuhören, fein hinzuhören. Das betrifft reklamierende Kunden, die sich ungerecht behandelt fühlen, ebenso wie unterschiedliche Formen der Gespräche mit Mitarbeitern.

Kürzlich fragte man den großen deutschen Show- und Talkmaster Frank Elstner, gerade 75 geworden, nach einem guten Lebensmotto. Er zitierte er den berühmten deutschen Philosophen Hans-Georg Gadamer: "Der Andere könnte recht haben". Und Elstner fügte noch den Kommentar hinzu, wer mit diesem Motto lebe, werde toleranter - und auch gebildeter.

Eine blitzgescheite Begründung. Es gibt dazu aber noch einen zweiten Aspekt, den der Kommunikations-Ethik. Friedemann Schulz von Thun, der weltweit geachtete deutsche Großmeister der Kommunikations-Psychologie, formulierte ihn, als man ihn nach der Bedeutung von harten Fakten in Feedback-Gesprächen fragte. Der berühmte Wissenschaftler bestritt deren Bedeutung keineswegs. Aber genau so deutlich sagte er, wenn die Dominanz von Zahlen und Fakten alles überstrahle, dann leide letztendlich die Entwicklung eines produktiven Miteinander. Und: "Ich halte Feedback für eine heilsame und aussichtsreiche Sache - wenn es eingebettet ist in ein Gespräch, in dem die Wahrheit zu zweit beginnt".

Der Andere könnte recht haben und Gespräche als eine Form der Wahrheitssuche zu zweit - genug Stoff zum Nachdenken über Kommunikations-Ethik - vielleicht bei gute Oster-Spaziergängen und Wanderungen.

Markus Kiefer

(Kolumne von Markus Kiefer vom 1. April auf www.markus-kiefer.eu)

 

Quellen:

Fünf Minuten mit Frank Elstner, in: Harvard Business Manager 3/2018, S. 102

Interview mit Friedemann Schulz von Thun, in: Harvard Business Manager 3/2014, S. 37