Mehr Ethik in der Digitalisierung

Deutschland hinkt im Tempo der Digitalisierung hinterher. Das ist oft angemerkt worden. Mit Recht. Weniger oft wird die Deutlich weniger bewusst scheint die Tatsache, dass für viele der moralische Kompass des technologischen Fortschritts verloren zu sein scheint. Und das ist nicht gut.

Es ist in der jüngeren Vergangenheit oft kritisch angemerkt worden, dass Deutschland beim Tempo der Digitalisierung hinter hinkt. Das ist schon in Europa so. Je nachdem, wie genau die Fragestellung lautet, liegt Deutschland im Mittelfeld oder sogar noch weiter hinten. In jedem Fall weit hinter den Skandinaviern, Niederländern und Balten. Den Vergleich mit Asien oder Teilen von Nordamerika lässt uns Deutsche dann noch älter aussehen.

Allerdings hinken wir nicht nur beim Tempo der Umsetzung des technologischen Fortschritts hinterher. In der Gesellschaft macht sich zunehmend ein ungutes Gefühl breit. Das betrifft die ethische Seite des Fortschritts. Diese scheint vielfach völlig ungeklärt. Was dürfen die Giganten der Internetwirtschaft mit meinen Daten anfangen? Und vor allem, was dürfen sie nicht? Gesetzliche Regelungen sind gut, aber nicht alles. Wer von den Akteuren hat die Traute, den mächtigen Internet-Konzernen auch den moralischen Spiegel zu ihrem Tun vorzuhalten? Vermittlung von digitaler Kompetenz in der Schule ist gut. Aber wer hält gegen zunehmende Hatespeeches im Netz und gegen Cybermobbing mit einleuchtenden, wirksamen ethischen Stopp-Schildern kräftig dagegen? Die Verarbeitungsmöglichkeiten gigantischer Datenmassen durch künstliche Intelligenz, selbst lernender Maschinen und Roboter sind beeindruckend. Aber wer erlaubt den Maschinen ihr Tun und verhindert, dass sie sich mit ihrem Willem über den Menschen setzen?

Das alles sind drängende Fragen von hoher ethischer Brisanz. Und es sind nur einige. Die Liste ist wesentlich länger. Aber weit und breit ist dazu kein gesellschaftlicher oder politischer Konsens in Sicht, der wenigstens ethische Mindest-Standards verbindlich regeln würde. Zugegebenermaßen sind auch die verschiedenen Wissenschaften, die sich der ethischen Reflexion widmen, derzeit offenbar schlicht und einfach überfordert. Die ethische Reflexion in Philosophie, Theologie, Sozial- und Wirtschaftswissenschaften ist derzeit offensichtlich nicht in der Lage, mit dem Tempo der immer rascheren technischen Innovation Schritt zu halten - sofern sie überhaupt als Mainstream-Debatte stattfindet.

Daher ist es sehr zu begrüßen, dass die zuständige Staatsministerin Dorothee Bär einen starken Akzent setze, als sie vergangene Woche die Digitalisierungs-Strategie der Bundesregierung im Bundestag vorstellte und erläuterte. Diese vom Bundeskabinett beschlossene Strategie sieht fünf zentrale Handlungsfelder vor. Neben dem Digitalpakt für die Schulen zählen dazu der Ausbau der Infrastruktur (Netze), die Förderung von digitaler Transformation (u.a. Industrie 4.0, Startups, kleine und mittlere Unternehmen), die Modernisierung des Staates durch Digitaltechnik. Aber nicht zuletzt setzt das vierte Handlungsfeld "Digitalisierung braucht Werte" einen dringend nötigen Akzent. Besondere Hoffnung ruht hier auf der bereits vor längerem eingesetzten Datenethik-Kommission. Diese soll nämlich versuchen, Konflikte zischen Datenschutz und intensiver Nutzung von technologischen Anwendungen zu lösen. Von der Arbeit dieser sicher wertvollen Kommission hat man bislang leider noch wenig gehört oder gelesen. Zu wenig. Ihre Überlegungen und Zwischenergebnisse gehören ins Rampenlicht von Öffentlichkeit und auf die Agenda der Medienberichterstattung. Zu erwägen wäre weiterhin, ob nicht auch der weit bekanntere Nationale Ethikrat seine Themenfelder um die Digitalisierung erweitern sollte.

Markus Kiefer

(Kolumne von Markus Kiefer vom 1. März 2019 auf www.markus-kiefer.eu)