Mehr Wirtschaftspublizistik!

Traurige Nachricht zum Jahresende: Die Deutsche Online-Ausgabe des "Wall Street Journal" ist eingestellt. Damit ist eine weitere Qualitätsstimme der Wirtschaftspublizistik, einige der wenigen tagesaktuellen zumal, schlicht und einfach weg. Nach dem früheren Ende der exzellent gemachten "Financial Times Deutschland", die sowohl in ihrer Print- als auch in ihrer Onlineausgabe eine vorzügliche Figur gemacht hatte, ist dies ein weiterer herber Rückschlag für die deutsche Qualitäts-Wirtschaftspresse.

Die Verantwortlichen des Medienkonzern Dow Jones wiesen deutlich darauf hin, das Angebot habe schlicht zu wenig Leser gefunden, um ökonomisch weiter verantwortet werden zu können. Allerdings muss man wissen, dass die WSJ-Online-Ausgabe 2012 von vornherein mit Bezahlschranken gestartet war und auch viel herum experimentiert hat. Das hat den Durchbruch im deutschen Markt gewiss erschwert. Und einen langen Atem hatten die Macher wahrlich nicht. Das war ein ziemlich kurzer Sprung.

Was bleibt: eine mediale Stimme von Gewicht weniger. Blickt man auf die ökonomische Schwächephase der FAZ, dann kann man sich derzeit auch kaum vorstellen, dass etwa dort nun die tagesaktuelle Wirtschaftsberichterstattung noch einmal mit Macht ausgebaut würde. Wer aber sollte das dann tun?

Wir leben in einer ökonomisch zunehmend fragilen Welt, die immer mehr vernetzt wird. Also brauchen wir auch viel mehr gute Erklärung und exzellente Erklärer. Viele Ereignisse und Phänomene sind nicht mehr linear und monokausal zu verstehen. Da bedarf es eines gut verdrahteten, gut informierten Wirtschaftsjournalismus mit langjähriger Begleitung der Objekte der Berichterstattung und fundiertem, sicherem Urteil.

Zu hoffen bleibt, dass 2015 diesbezüglich neue Versuche an den Start, zum Experiment und zum Durchbruch bringen wird. Schaut man auf die Sanier- und Sparrunden zum Beispiel bei Gruner + Jahr, dann darf man fast annehmen, dass ein möglicher Erfolg für eine erfolgreiche neue Stimme der Wirtschaftspublizistik nicht aus Hamburg oder München, ja vielleicht gar nicht aus den Großstrukturen der etablierten Verlage kommen wird.

Vielleicht ist es ja ein kleiner, bislang unbeachteter Verlag, der den Durchbruch mit einer neuen Zeitungs- oder jedenfalls Zeitschriftenidee in der Wirtschaftspublizistik schafft. "Landlust" lässt grüßen. Die Münsteraner haben es vorgemacht, wie man mit kleiner journalistischer Mannschaft und ohne jedes Marketing-Markteinführungs-Budget einen etablierten Medienmarkt in wenigen Jahren aufrollt - und sich an der Spitze behauptet. Wenn man nur das richtige publizistische Konzept hat. Vielleicht ist es aber auch ein digitales Startup, das völlig überraschend Reichweiten-Erfolg mit neuartigem attraktivem Content auf einer digitalen Plattform für Wirtschaftspublizistik schafft - der dann ja auch eine Printversion im richtigen Rhythmus folgen könnte. Zu wünschen wäre es.

Gerade die Exportnation Deutschland braucht eine wieder viel breitere Basis für exzellenten Wirtschaftsjournalismus. Wir brauchen nicht weniger, wir brauchen mehr exzellenten Wirtschaftsjournalismus in unserem Land!

Markus Kiefer

(Kolumne vom 2. Januar 2015 auf www.markus-kiefer.eu)