Nachrichtenvermittlung im Konfliktmodus

Auch öffentlich-rechtliche Nachrichtensendungen berichten zunehmend im Konflikt-Schema, harte und detaillierte Sachinformation leiden darunter.

Aus einer ganzen Reihe von Untersuchungen ist seit längerem bekannt, dass sich die Information über das politische und wirtschaftliche Geschehen in der Bevölkerung spreizt. Es ist ein großer Unterschied in der Tiefe und Reichhaltigkeit, ob man als Angehöriger der Eliten die Orientierung beispielsweise durch überregionale Qualitätsmedien sucht oder ob man als Angehöriger der jüngeren Generation wirtschaftliche und politische Grund-Informationen eher am Rande von Online-Unterhaltungsformaten aufnimmt - wenn überhaupt.

Umso wichtiger wäre es, wenn insbesondere die öffentlich-rechtlichen Medien aus einem sich abzeichnenden Nachrichten-Mainstream ausscheren, der Politik überwiegend im Kontext von Konflikt, Streit, Skandal und Verengung auf Personalisierung und Staus im Entscheidungs-Prozess präsentiert. Aber es zeichnet sich leider mehr und mehr das Gegenteil ab.

Krasses Beispiel hierfür war die Nachrichtenlage am 8. Oktober. Die Spitzen von CDU und CSU tagten stundenlang, um ihre politisch kontroversen Felder im Vorfeld von Koalitionsgesprächen mit neuen Ergebnissen zu bestellen. Die - wahrscheinlich positiv überraschte - deutsche Öffentlichkeit nahm im Lauf des Tages über Zwischenstände der Nachrichtensendungen zur Kenntnis, dass sich vor allem eine Einigung in der zwei Jahren schwelenden Auseinandersetzung um den richtigen Weg in der Flüchtlings- und Zuwanderungs-Thematik ergeben könnte.

Wer dann abends interessiert und wissbegierig den Fernseher einschaltete, um sich genauer zu informieren, erlebte das Folgende. Anne Will leitete am Ende ihrer Talkshow über zur Tagesthemen-Moderatorin Pinar Atalay. Was denn Hauptthema der folgenden Nachrichtensendung sei, wollte sie von der Kollegin wissen. Deren Antwort: man werde ich mit den Gewinnern und Verlierern der Asyl-Entscheidung in Berlin beschäftigen. Als Atalay die Tagesthemen dann eröffnete, wandte sie sich mehr oder weniger direkt zur ARD-Reporterin Tina Hassel, die vor dem Konrad-Adenauer-Haus wartete. Die Eingangsfrage der Moderatorin lautete wörtlich: "Wer hat denn das Gesicht gewahrt, Merkel oder Seehofer?". Und dies, ohne dass zuvor die Details der neuen politischen Linie der Union und deren Hintergründe nachrichtlich sauber präsentiert worden wäre.

Eine Fülle von Beispielen ließen sich anschließen, gerade aus den meinungsbildenden abendlichen Nachrichten-Formaten "Heute-Journal" und "Tagesthemen". Wer Politik in freien Demokratien im Wesentlichen nur noch im Freund-Feind-Schema, im Konflikt, im Gewinner- und Verlierer-Modus präsentiert, der sollte sich eigentlich über zunehmende Politikmüdigkeit und Parteienverdrossenheit nicht wundern. Wer so Politik präsentiert, der fördert Zynismus und Tendenzen zunehmender Wahlenthaltung.

Es wäre wert, genau diesem Zusammenhang einmal empirisch-wissenschaftlich genauer nachzugehen.

Markus Kiefer

(Kolumne von Markus Kiefer vom 1. November 2017 auf www.markus-kiefer.eu)