Neuorientierung im Wirtschaftsjournalismus

Seit einigen Jahren deutet sich eine Neuorientierung im Wirtschaftsjournalismus an. In Bezug auf die Unternehmen als Gegenstände der Berichterstattung wird es offensichtlich kritischer, grundsätzlicher und und hintergründiger. Eine gute Einsicht hierzu sind Studienergebnisse der renommierten Stuttgarter Kommunikationswissenschaftlerin Claudia Mast.

Unternehmen und ihre Kommunikationsmanager stehen seit einigen Jahren vor einer thematischen Herausforderung, die infolge der 2008 einsetzenden weltweiten Wirtschaftskrise immer offensichtlicher geworden ist. Das Publikum empfindet eine zu starke Ausrichtung der Berichterstattung auf die ökonomische Performance der Unternehmen, also fokussiert auf Zahlen, Ergebnisse, Geschäftsentwicklungen, Geschäftszahlen, Quartalsberichte, Prognosen, Branchenentwicklungen etc. als nicht mehr hinreichend, teilweise sogar als unangemessen. Es möchte mehr Hintergrund von Entscheidungen und Strategien kennen, es wünscht sich eine generell kritischere Herangehensweise der Medien an die Gegenstände der Berichterstattung, fordert Einblick in die gesellschaftspolitische Rolle der Unternehmen, möchte darüber informiert sein, wie die Übernahme gesellschaftspolitischer Verantwortung konkret aussieht, auch aber bei weitem nicht nur in der Frage nachhaltigen Wirtschaftens.

Das fordert das Agenda Setting der Kommunikationsmanager ganz grundsätzlich heraus. Im Grunde geht es um einem Perspektiven- und Paradigmenwechsel. Es müssen mehr und neue Themen an den Journalismus heran getragen werden. Letztlich geht es um einen Paradigmenwechsel, der etwas weniger die BWL-Perspektive und dafür stärker die VWL-Perspektive bedient. Das Publikum will ganz offensichtlich mehr über die Zusammenhänge zwischen den wirtschaftlichen Akteuren und deren Einflüsse auf gesellschaftlich-politische Entwicklungen erfahren. Damit kämen die Unternehmen den allgemeinen Publikumserwartungen ebenso entgegen wie den Interessen der Redaktionsmanager in den Wirtschaftsmedien, die diesen Trend stärker bedienen wollen.

In dieser Eindeutigkeit lassen sich die Studien-Ergebnisse zusammen fassen, die von der renommierten Kommunikationswissenschaftlerin Professor Dr. Claudia Mast und ihrem Forscherteam von der Universität Stuttgart Hohenheim gemeinsam mit der ING DiBa vorgelegt wurden. Der hier angezeigte Band dokumentiert insgesamt fünf Teilstudien, so die wesentlichen Ergebnisse einer repräsentativen Bevölkerungsumfrage ebenso wie die Auswertung von qualitativen Interviews (Stichproben) auf Entscheider-Ebene der Wirtschaft. Darüber hinaus geben Tiefen-Interviews mit fünf Wirtschaftsjournalisten in leitender Funktion bei namhaften Medien (u.a. SPIEGEL; SWR, Wirtschaftswoche) hervorragenden Einblick in die qualitative Vorstudie, die den quantitativen Befragungen und dem Gewinnen hierzu zielführender Fragen voraus ging. Abgerundet wird das mit einer Umfrage (Vollerhebung) unter den Verantwortlichen in den deutschen Wirtschaftsredaktionen.  Spannende Inhaltsanalysen zu den thematischen Schwerpunkten ausgewählter deutscher Wirtschafts-Leitmedien sind eine ergiebige Erweiterung des beeindruckenden Methoden-Mix, der die Analysen dieses Forschungsbandes trägt.

Der grundsätzliche Erkenntnisgewinn ist ein doppelter: hohes Interesse der Bevölkerung an qualitativen Wirtschaftsjournalismus und offensichtliche Desiderate auf Seiten der Medien. Obgleich die Publikation mit 5 Jahren schon ein gewisses Alter hat, lesen die 378 Seiten sie sich auch heute noch mit hohem Erkenntnisgewinn für jeden PR- und Kommunikationsmanager in der Wirtschaft, der bereit ist, die Scheuklappen einer vordergründig oder gar reinen Leistungs-Zahlen-fixierten oder nur um die Produkte kreisenden Binnenperspektive zugunsten einer deutlich erweiterten Inhalte-und Themen-Strategie zu überwinden.

Markus Kiefer

(Kolumne von Markus Kiefer v. 15. April 2017 auf www.markus-kiefer.eu)

Lektüre

Claudia Mast (Hg.), Neuorientierung im Wirtschaftsjournalismus. Redaktionelle Strategien und Publikumserwartungen, Springer VS, Wiesbaden 2012