Persönliche Führung im Zeitalter digitaler Kommunikation

Setzt die zunehmende Digitalisierung der Kommunikation alte Grundregeln der Führung in Unternehmen außer Kraft? Was bedeutet zeitgemäße "Führung" durch Vorgesetzte der Generation Y und Z?

Angesichts des allgegenwärtigen Geredes vom Siegeszug der Digitalisierung in allen Lebensbereichen, gerade auch in der Wirtschaft, darf die Frage nach dem Stellenwert sowie nach der konkreten Ausgestaltung von zeitgemäßer persönlicher Führung durchaus gestellt werden. Barbara Liebermeister, die frühere Marketing-Managerin in international agierenden Konzernen (u.a. Christian Dior), heutige Buchautorin, Managementberaterin und Leiterin des Instituts für Führungskultur im digitalen Zeitalter tut dies. Sie fragt gezielt danach, wie diese Führung der Digital Natives durch überzeugend auftretende Vorgesetzte heute und morgen aussehen muss.

Auf 240 flüssig zu lesenden Text-Seiten beschreibt sie im lockeren Stil die Herausforderungen durch die veränderten Mediennutzungs-Gewohnheiten der jüngeren Generationen für Führungspersönlichkeiten vor allem in Unternehmen. Aber nicht nur das, auch die veränderten Arbeitsstile durch moderne Medien, die immer stärke Digitalisierung des Alltags genauso wie der Arbeitsabläufe in Betrieben, ja die zunehmende Aufhebung der Grenzen zwischen privaten und beruflichem Leben, dies alles wird im vorliegenden Buch gut herausgearbeitet.

Liebermeister dekliniert durch, was dies alles für die konventionelle Lehre von Führungsstilen und Führungspersönlichkeiten bedeutet. Das ist aus verschiedenen Quellen gekonnt gespeist. Persönliche Alltagsbeobachtungen, die zwar keine empirische Gewissheiten bedeuten, aber doch dem Leser immer wieder das Gefühl geben, ja, genau so habe ich das auch schon beobachtet. Aber ebenso fließen die Ergebnisse aktueller relevanter Studien wie die Erkenntnisse von Vordenkern der Entwicklungen in Medien, Wirtschaft, Politik und Management ein. Die wohltuende Leichtigkeit der Lektüre sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass den flüssig entwickelten Gedankengängen durchaus ein systematisches Modell incl. Testverfahren des von Liebermeister geleiteten Instituts zugrunde liegt (Alpha-Intelligenz, S. 138 ff.), das aber an dieser Stelle nicht ausgebreitet werden kann.

Am Ende, so die Erkenntnis des Buches, setzen alle technischen und medialen Fortschritte nicht die mächtige Wirkung von gekonnter persönlicher Kommunikation außer Kraft. Charisma, Autorität, Erfahrung, die Fähigkeit zur Empathie, emotionale Intelligenz und Kompetenz, sie sind auch morgen noch unersetzlich. Nicht jedes Problem wird mit einer Mail, einem elektronischen Newsletter, einer Instant Message, einem Chat adäquat gelöst. Im Gegenteil, gerade weil heute so viel (seelenloser) Austausch durch elektronische Kommunikation erfolgt, fehlt so vielen Mitarbeitern die Wahrnehmung als Mensch, als Individuum, die Wertschätzung und oft ganz schlicht der Vertrauen aufbauende Augenkontakt. "Führung ohne direkte Kommunikation von Mensch zu Mensch kann nie vollständig sein" (S. 187), lautet einer der Schlüsselsätze des Buches. Zu den beeindruckendsten Kapiteln des Buches zählt jenes, in dem die Autorin über ihre Eindrücke beim Besuch des Silicon Valley berichtet. Gerade dort, wo die digitale Gegenwart und Zukunft geschmiedet wird, wird alles Wesentliche in der persönlichen Kommunikation geklärt.  

Die Führungskraft von morgen wird eine Balance von eigenem (Marken-) Auftritt in digitalen Plattformen, dem bewussten und effizienten Nutzen von elektronischen Kanälen in den passenden Situationen und dem intensiven Einbringen der eigenen Persönlichkeit in zugewandten Gesprächen von Angesicht zu Angesicht zu verbinden wissen. Im vollen Bewusstsein, dass das Zeitalter des kooperativen Führungsstils angebrochen ist und das gerade übrigens hier - in der Zusammenarbeit, der Kooperation, im Teilen und Vernetzen des Wissens - die digitalen Medien besondere Vorzüge einbringen können. Aber ebenso in dem sicheren Wissen, je schwieriger und komplexer Situation und Problem, umso mehr kommt es auf die gut geführte persönliche Begegnung und das Gespräch an. Gerade das grundsätzliche Feedback, es sollte immer nur persönlich gegeben werden. Diese bewährte Erkenntnis der Führungskräftekommunikation wird auch durch noch so effiziente Digitalkommunikation nicht verdrängt.

Führungskräfte von morgen, so Liebermeister, haben eine dreifache Gewissheit: a) Kommunikationspartner verstehen unsere Nachrichten nicht immer so wie sie gemeint waren, b) sie haben das Fingerspitzengefühl, um bei Irritationen zeitnah zu reagieren, c) sie sind bereit, zeitnah das Medium zu wechseln, um Missverständnisse aus dem Weg zu räumen - und das bedeutet fast immer die Wahl der persönlichen Begegnung und Besprechung.

Im Schlusskapitel umreißt und erklärt die Verfasserin in sechs Eckpunkten, was nach ihrer Überzeugung die Führungskraft von morgen ausmachen wird: 1. Sie lebt gleichermaßen ambitionierte wie realistische Zukunftsvisionen vor. 2. Sie ist technologieaffin. 3. Sie ist Akteur der Digitalisierung und bindet deren Möglichkeiten intelligent, selektiv ein, ohne sich von Technik fremd bestimmen zu lassen. 4. Sie blickt interessiert über den Tellerrand, ist übergreifend orientiert und kooperiert entsprechend. 5. Sie hat eine hohe Beziehungs-Intelligenz. 6. Sie kennt den großen Einfluss der Medien, findet aber im Unternehmen einen Mittelweg zwischen dem Nutzen und dem Anhalten des Informationsflusses.

Auch für die Zukunft bleibt gültig, so könnte man die Summe der vorgelegten Überlegungen ziehen, dass eine, wenn nicht die wesentliche Voraussetzung für die angemessene Führung von morgen eine gute wertschätzende Kommunikation bleibt, die nicht ausschließlich über digitale Medien erfolgt. So sind die beiden Schluss-Sätze Barbara Liebermeisters die folgerichtige Konsequenz des gesamten Buches, der zugleich den Titel des Buches ebenso aufnimmt wie einleuchtend erklärt: "Nicht die technologischen Errungenschaften sind das eigentlich Spannende am digitalen Zeitalter, sondern die Art, wie sie unsere Zusammenarbeit verändern. Digital ist egal, was zählt, ist der Mensch" (S. 239). 

Ein Stichwortverzeichnis und einige Seiten mit den Quellen zu den Fußnoten, übersichtlich geordnet nach Kapiteln, runden den guten Eindruck des vom GABAL Verlag sehr ansprechend gestalteten und layouteten Hardcovers wohltuend ab.

Markus Kiefer

(Kolumne von Markus Kiefer v. 15. August 2017 auf www.markus-kiefer.eu)

Lektüre

Barbara Liebermeister, Digital ist egal. Mensch bleibt Mensch - Führung entscheidet, GABAL, Offenbach 2017