Twitter ohne Habeck - der Grünen-Star löscht seinen Account - die richtige Entscheidung?

Robert Habeck hat es wirklich getan. Er ließ seiner Ankündigung Taten folgen. Und löschte seinen Twitter-Account endgültig. War das die richtige Entscheidung einer Krisensituation? Und was können Führungskräfte, was können Unternehmer und Manager aus dem Fall lernen?

Robert Habeck hat es wirklich getan. Er ließ seiner Ankündigung Taten folgen. Und löschte seinen Twitter-Account endgültig. War das die richtige Entscheidung einer Krisensituation? Und was können Führungskräfte, was können Unternehmer und Manager aus dem Fall lernen?

Blicken wir kurz zurück. Was war passiert. Der Co-Vorsitzende der Grünen hatte – übrigens zum zweiten Mal in kurzer Zeit – einen Teil der politischen Konkurrenz durch knappe, ehrverletzende Tweets beleidigt. Dadurch geriet er persönlich unter nicht unerheblichen Druck. Er befreite sich davon nicht etwa durch persönliche oder wirksame öffentliche Entschuldigungen bei den Betroffenen. Sondern durch einen öffentlichen Angriff auf die Social Media-Plattform selbst. Die dort angeblich übliche Form der verkürzten, zugespitzten, aggressiven Kommunikation habe ihn zum Negativen verändert. Deswegen werde er seine Kommunikation über diesen Kanal beenden und seinen Account löschen. Was er zwischenzeitlich getan hat.

Sollten Führungskräfte seinem Vorbild folgen?

Ich meine: Nein. Was Habeck betrifft, so hat er eine für ihn brenzlige Situation durch einen geschickten Entlastungsangriff gerettet. Statt über sein Fehlverhalten und Demokratieverständnis wurde nun über die Wirkung von Social Media auf die öffentliche Meinung debattiert. Das hat funktioniert.

Aber in der Sache Twitter: Es ist doch nicht eine Kommunikationstechnologie, die uns den Inhalt, Stil und Ton unserer öffentlichen Stellungnahmen vorgibt! Das sind persönliche Kommunikations-Entscheidungen, wahrscheinlich auch Charakter-Fragen – und diese haben nichts mit der Medien-Plattform zu tun. Natürlich ist es so, dass gerade Twitter durch seine Begrenzung von reinen Text-Tweets auf 280 Zeichen zu Kürze zwingt. Zu Kürze, aber doch nicht zu Aggression, Beleidigung und Angriff.

Von seiner Gründung an ist gerade der Kurz-Nachrichtendienst Twitter ein Sammelbecken der Kommunikations-Eliten geworden. Hier tummeln sich Wissenschaftler, Journalisten, Medienschaffende, Unternehmer, Technik- und IT-Experten. Hier dominiert der Wissens- und Erfahrungsaustausch, die Vermittlung von Ideen, das Teilen von Inspiration. Hier werden echte Wissens-Netzwerke geknüpft. Der weltweite Durchbruch von Twitter war das unmittelbare Bereitstellen von Echtzeit-Nachrichten, noch bevor etablierte Medien am Ort von Katastrophen sein konnten. Hierüber wurden unzählige Hilfestellungen blitzartig dort verbreitet, wo es in schwierigen und schlimmen Situationen notwendig und notwendend war. Es entwickelte sich eine Community, die auf Austausch, auf Kooperation, auf Unterstützung, auf schnell wirksame Hilfe hin ausgerichtet ist. Auf das Vermitteln von Expertentum und werthaltiger Information.

Wer das verkennt, der hat die Eigengesetzlichkeit und die Power von Twitter nicht verstanden. Robert Habeck hat es offensichtlich nicht verstanden. Dass es gerade Politiker sind, die Twitter in ein Medium des primitiven politischen Tageskampfes und billiger Angriffe auf den politischen Gegner degenerieren, auch das ist wahr. Aber das liegt nicht am Medium. Vielleicht liegt es hingegen eher am Charakter mancher der politischen Protagonisten?

Noch einmal: sollten gerade Unternehmer und Manager Habecks Beispiel folgen und Twitter links liegen lassen? Und noch einmal: ich meine Nein. Unter Social Media-Experten kursiert schon lange die Gewissheit, bei Facebook & Co trifft man die Masse, bei Twitter die Experten und Kommunikationseliten. In Deutschland sind das nach den meisten Schätzungen ca. 3 Millionen relativ aktive Twitterer. Diese links liegen zu lassen, wäre eine vergebene Großchance in der Kommunikation. Gerade im Verfolgen von Diskussionen, in der Beobachtung entstehender Trends ist Twitter fast unschlagbar.

Wer als Unternehmer oder Spitzenmanager das Medium richtig einzusetzen weiß, der schafft sich Kommunikations-Optionen und Resonanz bei intelligenten Meinungsführern und Gruppen, die man mit herkömmlichen Kommunikations-Kanälen inzwischen vielleicht (fast) gar nicht mehr erreicht. Deutsche Spitzenmanager wie der frühere Opel-Chef K.T. Neumann oder Bertelsmann-CEO Thomas Rabe haben mit ihren persönlichen Twitter-Accounts vorbildliche Kommunikations-Wirkungen erzielt  - für sich selbst, aber auch zugunsten der von Ihnen geführten Unternehmen. Um vom Tesla-Chef Elon Musk oder Virgin-Eigentümer Richard Branson gar nicht erst zu reden. Die Twitter-Accounts der vier Genannten sind Leuchtturm-Beispiele einer modernen, positiven und konstruktiven Social Media-Kommunikation. Bei der Frage des Sinns einer Twitter-Kommunikation für Führungskräfte der Wirtschaft sollte man sich an diesen Beispielen orientieren- und nicht am deutschen Grünen-Chef.

Markus Kiefer

 

(Kolumne von Markus Kiefer v. 1. Februar 2019 auf www.markus-kiefer.eu)