Wahlkampf NRW - weiße Propaganda

Wahlkampfzeit ist die Hochzeit der politischen PR. Da wird nicht immer filigran argumentiert. Man sieht es auffällig an den Wahlplakaten. Vielen erscheinen diese zu primitiv und zu schlicht. Allerdings darf man diese wichtigen Mittel der politischen Auseinandersetzung auch in der Erwartungshaltung nicht überfordern.

Im größten deutschen Bundesland, in Nordrhein-Westfalen, läuft die sogenannte heiße Phase des Wahlkampfes. In den letzten beiden Wochen vor dem Wahltermin wird die Luft noch einmal rauer, die Zeiten argumentativer oder gar intellektueller Auseinandersetzung sind lange schon abgelaufen. Jetzt ist keine Zeit mehr für politische Filigranarbeit. Im Gegenteil, jetzt, so scheint es, wird nur noch gehobelt. Erst recht, seitdem die Machtfrage wieder völlig offen zu sein scheint.

Ablesbar ist das besonders gut an den Wahlplakaten. Eh schon ein Mittel der oft radikalen Vereinfachungen, werden die Motive in der allerletzten Phase der Wahlauseinandersetzung noch schlichter. Vielen Bürgern gefällt das nicht, sie rümpfen die Nase, wenden sich ab, fühlen sich nicht ernst genommen.

Allerdings überfordern diese Bürger die politischen Kommunikatoren, wenn sie über diese Medien eine differenzierte Argumentation erwarten. In der Endphase eines Wahlkampfes geht es vor allem darum, die eigene Klientel restlos zu mobilisieren und auszuschöpfen. Jetzt geht es nicht mehr darum, eine Sache, ein Thema auszudiskutieren, auszufechten, das bessere Argument gegen Andersdenkende durchzusetzen. In der letzten Phase einer Wahl zielt die Kommunikation der Parteien nur noch darauf, aus den Unentschlossenen und zögernden potentiellen Anhängern einen fest entschlossenen Gänger in die Wahlurne zu machen.

James Grunig und Todd Hunt, die Pioniere der modernen amerikanischen PR-Wissenschaft haben diesen Ansatz in ihrem 4-PR-Modell-Schema das Publicity-Modell genannt. Im Grunde ist es ein klassisches Propaganda-Modell - und das gibt es natürlich nicht nur in autoritären Staaten. Beim Publicity-Modell wird in einem klar geregelten Sender-Empfänger-Modell, bei dem der Absender der Botschaften die Macht hat, mit einfachen aber wirkungsvollen Kommunikationen Aufmerksamkeit geweckt, die Präsenz eines Angebots gezeigt, ein ganzes Programm in eine Schlagzeile oder einfach nur ein stimmungsvolles Bild gepackt. Hier dominieren Behauptungen. Für schlüssige Beweisführungen, für ein differenziertes Suchen nach Wahrheit ist in diesem Modell und in dieser Phase kein Platz. Weiße Propaganda wird das manchmal genannt. In Abgrenzung zur sog. schwarzen Propaganda autoritärer Staaten mit ihrem ganz anders ausgerichteten, aggressiv-manipulativem-indoktrinärem Vorgehen mit Absolutheitsanspruch auf die eigene Wahrheit.

Es gibt natürlich noch andere, elaborierte PR-Modelle in dem Schema von Grunig und Hunt bis hin zum Dialog-und Konvergenz-Modell. Aber hiermit gewinnt man keine Wahlauseinandersetzungen, auch nicht in der Demokratie.

Dies möge man bei aller Kritik an allzu schlicht wirkenden Plakat-Motiven bedenken. Jeder Staatsbürger, der mehr und tiefer in politische Themen einsteigen will, ist ein Gewinn für die Demokratie. Er sollte allerdings die politische Wahrheit nicht in Wahlplakaten suchen. Dafür stehen ihm andere Medien und bessere Quellen zur Verfügung.

Markus Kiefer

(Kolumne von Markus Kiefer v. 1. Mai 2017 auf www.markus-kiefer.eu)