Zeit- und Selbstmanagement

Wer sich in seinem persönlichen Zeit- und Selbstmanagement verbessern will, der kann durchaus zur praktischer Ratgeberliteratur greifen, die fast allen Buchhandlungen wohlfeil sind. Es gibt aber akademische Bücher, die eine wissenschaftlich eher belastbare und vermutlich bessere Grundlage bieten.

Wer von uns kennt dieses Gefühl nicht? Die Zeit reicht einfach nicht. Die Tage müssten länger sein. Das gesamte Programm von beruflichen und auch noch privaten Aufgaben ist in den 24 Stunden einfach nicht zu schaffen -, umso weniger, wenn man die Zeit des Erholungsschlafes abzieht. Und dann schaffen wir es auch noch so schlecht, Nein zu sagen, wenn Kollegen, Vorgesetzte oder ein Familienmitglied mit weiteren drängenden Fragen um die Ecke daherkommen. Wir sagen immer wieder ja – und das üble Gefühl in Magen und Bauch verstärkt sich. Und wer kennt nicht das schlechte Gewissen, wenn wir wieder einmal die zwar in der Zukunft liegende, aber sehr wichtige Aufgabe nicht angepackt haben und statt dessen einer ablenkenden Tätigkeit oder attraktiv wirkenden kurzfristigen Aufgabenerfüllung nachgehen?

Wenn sich eines dieser Gefühle einmal einstellt, ist das nicht weiter schlimm. Wer aber solche Gefühle kontinuierlich oder gar als Dauerdruck empfindet, der hat offensichtlich ein Problem. Es liegt im mangelhaften oder nicht-optimalen Zeit- und Selbstmanagement. Handlungsbedarf ist dann geboten. Der einfache Weg liegt im schnellen Weg zur nächsten guten Buchhandlung. In den Regalen zur Selbstverwirklichungs-Literatur beim nächst gelegenen Ratgeber-Buch zugreifen und mit dem Selbststudium beginnen. Das ist kein schlechter Weg, zumal wenn man bei den gediegenen Klassikern des Selbst- und Zeitmanagements landet. Bücher wie das „1 x 1“ vom Branchenleader Lothar Seiwert lesen sich ebenso süffig wie flüssig und erhalten viele nachvollziehbare praktische Tipps. Das ist alles gut, hat aber einen Haken. Wissenschaftlich erforscht ist das alles nicht und empirisch belegt ist es schon lange nicht, was hier an durchaus beeindruckenden Modellen publiziert ist.

Wer auf dem Weg nach einem besseren Management in der Verfolgung seiner Ziele und seiner Zeiteinteilung nach einem sichereren Fundament sucht, der muss schon in die Richtung der etablierten universitären Psychologie schauen. Beispielsweise in das hier anzuzeigende Buch. Martin Kleinmann ist seit 2003 Professor für Arbeits- und Organisationspsychologie an der Universität Zürich seit 2010. Cornelius König vertritt eine gleichnamige Professur an der Universität des Saarlandes. Beide Autoren entfalten das Thema im Kontext ihrer Fachwissenschaften und ausschließlich auf der Basis akzeptierter wissenschaftlicher Modelle, Experimente und Studien.

In den beiden Grundlagen-Kapiteln bringen die Autoren die Definitionen, Abgrenzungen und Entfaltung der wichtigsten fachwissenschaftlichen Modelle des Selbstmanagement- (u.a. Zielsetzungstheorie und das kognitiv-behaviorale Modell) sowie des Selbstmanagement-Ansatzes (u.a. das entscheidungstheoretische Modell). Die Zusammenhänge zum Personalmanagement und konkrete betriebliche Nutzen werden hier thematisiert.

Basis sind einfache aber klare Definitionen beider Felder: „Unter Selbstmanagement verstehen wir alle Bemühungen einer Person, das eigene Verhalten zielgerichtet zu verfolgen“ (S. 3). Und: „Wir definieren Zeitmanagement als den selbstgesteuerten Versuch, Zeit subjektiv effizient zu nutzen, um gewünschte Ergebnisse zu erzielen“ (S. 4).

Das 134 Textseiten starke Buch kann in mehreren Dimensionen überzeugen. Da ist zunächst einmal die Zielperspektive. Es werden nicht nur individuelle Herausforderungen des Selbst- und Zeitmanagements untersucht, sondern auch die Probleme, die sich hier im betrieblichen und organisationalen Kontext stellen. Man denke nur an die üblichen Zeitfresser Meetings und elektronische Kommunikation (E-Mail-Flut).

Da werden Diagnose-Instrumente zur Verfügung gestellt, die sowohl in der individuellen Selbstbeobachtung funktionieren als auch HR- oder auch betrieblichen Kommunikations-Managern helfen, betriebliche ineffiziente Schwachstellen zu identifizieren. Gegenstrategien werden dann sowohl für die persönliche (z.B. Selbstverstärkung, Selbstbestrafung, Stimuluskontrolle) als auch für die organisationale Ebene formuliert. Und spätestens jetzt, in diesen Kapiteln 3 und 4, vermisst der Leser die ja gedanklich oft sehr schlicht gehaltene Ratgeber-Literatur nicht mehr. Denn Kleinmann und König geben gleichfalls sehr konkrete Hilfestellungen und Tools – nur eben besser fundiert.

Das abschließende Kapitel 5 bündelt dies durch diverse Trainings und Übungen, wiederum sowohl auf individueller als auch betrieblicher Ebene umsetzbar. Viele Checklisten oder zeitlich sehr präzise Trainingspläne machen das Buch für die Praxis fruchtbar.

Natürlich, insbesondere im ersten Teil des Buches wird anspruchsvolle Theorie ausgebreitet. Nicht ganz leicht Kost, aber die Autoren bleiben gedanklich ebenso wie sprachlich sehr klar. Wer diesen Teil gedanklich durcharbeitet, wird die Herleitung der dann folgenden Therapie-Vorschläge sehr überzeugt nachvollziehen und auch umsetzen können. Eine ausführliche Literaturliste und zwei Monitoring-Tafeln zum Herausnehmen, mit denen man die eigenen Leistungen überprüfen und Fortschritte messen kann, runden die Publikation.

Der akademische geübte Leser ist heute in seiner Anspruchshaltung selbst an etablierte wissenschaftliche Fachverlage bescheiden geworden. Man bekommt manches in die Hände, wo sich die Frage nach dem Lektorat stellt. Nicht hier, denn der Hogrefe-Verlag hat ganze Arbeit geleistet. Ein toll gestaltetes, glasklar strukturiertes Buch, frei von Rechtschreibung-, Orthographie- und Grammatikfehlern, keine Überladung durch unverständliche Wissenschaftssprache. Also, nicht nur die Autoren haben blitzsaubere Arbeit geleistet, sondern auch deren Verlag.

Markus Kiefer

(Kolumne von Markus Kiefer vom 15.  Februar 2019 auf www.markus-kiefer.eu)

Empfehlung

Martin Kleinmann/Cornelius König, Selbst- und Zeitmanagement, Hogrefe Verlag, Göttingen 2018